Ab 2027 greift in Deutschland eine der größten Rentenreformen seit Jahrzehnten: Das neue Altersvorsorgedepot — im Volksmund als Aktienrente bekannt — ersetzt die gescheiterte Riester-Rente durch ein modernes, kapitalmarktorientiertes System. Wer früh einsteigt und den Förderrahmen vollständig ausschöpft, kann über Jahrzehnte erhebliches Kapital aufbauen. Dieser Artikel erklärt, was das neue System kann, was es kostet und was du realistisch raus holen kannst.
Was ist die Aktienrente 2027?
In Deutschland laufen zwei Konzepte unter dem Begriff "Aktienrente" parallel:
- Generationenkapital (staatlich): Ein 12-Milliarden-Euro-Staatsfonds, der ab 2036 Erträge zur Entlastung der gesetzlichen Rentenversicherung nutzt. Der Bürger profitiert indirekt über stabilere Beiträge, nicht direkt als persönliches Vermögen.
- Altersvorsorgedepot (privat): Der Riester-Nachfolger ab 2027. Hier kannst du selbst einzahlen, staatliche Zulagen kassieren und das Geld in ETFs und Aktien anlegen — ohne die starre Garantiepflicht der alten Riester-Rente.
Das Entscheidende: Anders als bei Riester gibt es beim neuen Depot keine 100%-Kapitalgarantie. Das klingt nach Risiko — ist aber der Schlüssel zu deutlich besseren Renditen. Denn Kapitalgarantien haben Riester-Anbieter bisher gezwungen, fast das gesamte Kapital in niedrigverzinste Anleihen zu stecken. Resultat: Magere Renditen trotz staatlicher Förderung.
Wie funktioniert das neue Altersvorsorgedepot?
Das Prinzip ist einfach: Du eröffnest ein gefördertes Depot bei einer Bank oder einem Broker deiner Wahl, zahlst monatlich ein und investierst das Geld selbst in ETFs oder Aktienfonds. Der Staat fördert dich mit:
- Grundzulage: 200 € pro Jahr direkt als staatlicher Bonus auf dein Depot
- Kinderzulage: Bis zu 200 € pro Kind und Jahr
- Steuerlicher Vorteil: Eigenbeiträge bis 3.000 € jährlich sind als Sonderausgaben absetzbar — bei 42 % Steuersatz sind das bis zu 1.260 € Steuerersparnis
- Eigenkapital-Mindest: Mindestens 60 € Eigenbeitrag im Jahr für die volle Grundzulage
Die maximale staatliche Unterstützung (Zulage + Steuerersparnis) kann je nach Einkommenssteuersatz bei über 1.400 € pro Jahr liegen — das entspricht einem echten Renditefaktor, der reine ETF-Sparpläne ohne Förderung weit hinter sich lässt.
Rechenbeispiel: Was kommt raus, wenn du ab 2027 vollständig einzahlst?
Die folgenden Szenarien zeigen, was ein ETF-Sparplan mit 7 % durchschnittlicher Jahresrendite (historischer MSCI World nach Kosten) über verschiedene Laufzeiten aufbaut. Zugrundegelegt ist eine monatliche Eigeneinzahlung, die durch staatliche Zulagen (200 €/Jahr = ~17 €/Monat) effektiv reduziert wird:
| Eigenbeitrag/Monat | Laufzeit 20 Jahre | Laufzeit 25 Jahre | Laufzeit 30 Jahre | Laufzeit 35 Jahre |
|---|---|---|---|---|
| 100 € | 52.093 € | 81.007 € | 121.997 € | 179.542 € |
| 200 € | 104.185 € | 162.014 € | 243.994 € | 359.084 € |
| 300 € | 156.278 € | 243.021 € | 365.991 € | 538.626 € |
| 500 € | 260.463 € | 405.035 € | 609.985 € | 897.710 € |
Basis: 7 % Jahresrendite (MSCI World historisch nach Kosten), monatliche Einzahlung, Zinseszins-Effekt. Keine Berücksichtigung von Inflation. Keine Garantie auf künftige Renditen.
Zum Vergleich: Wer 300 € monatlich in einen klassischen Bausparvertrag steckt (Ø 2,5 % p.a.), kommt nach 30 Jahren auf rund 152.000 € — das ist weniger als die Hälfte des ETF-Szenarios. Der Unterschied ist ausschließlich der Zinseszins-Effekt über längere Laufzeiten.
Monatliche Rente aus dem aufgebauten Kapital
Mit der bekannten 4%-Entnahmeregel — die auf historischen Marktdaten basiert und das Kapital langfristig erhält — ergibt sich folgende monatliche Zusatzrente:
| Aufgebautes Kapital | 4%-Entnahme pro Jahr | Monatliche Zusatzrente | Entspricht Szenario |
|---|---|---|---|
| 121.997 € | 4.880 € | 407 €/Monat | 100 €/Mo × 30 Jahre |
| 243.994 € | 9.760 € | 813 €/Monat | 200 €/Mo × 30 Jahre |
| 365.991 € | 14.640 € | 1.220 €/Monat | 300 €/Mo × 30 Jahre |
| 609.985 € | 24.399 € | 2.033 €/Monat | 500 €/Mo × 30 Jahre |
4%-Regel: Kapital bleibt langfristig erhalten wenn der Markt historische Durchschnittswerte liefert. In schlechten Börsenphasen Entnahme ggf. reduzieren.
Steuer bei der Auszahlung: Was bleibt netto übrig?
Beim neuen Altersvorsorgedepot gilt bei der Auszahlung im Rentenalter die 25%ige Abgeltungssteuer auf die Erträge (Kursgewinne und Zinsen). Da im Rentenalter oft der persönliche Steuersatz unter 25 % liegt, kann die Günstigerprüfung die Steuerlast weiter senken.
Beispiel: 1.220 € monatliche Entnahme — davon sind ca. 60 % Ertragsanteil (730 €), der mit 25 % besteuert wird: 182 €. Netto-Auszahlung: ca. 1.038 € monatlich. Gegenüber der vollen Einkommensteuer auf Riester-Renten ein deutlicher Vorteil.
Wer sollte das neue Depot ab 2027 nutzen?
Das Altersvorsorgedepot lohnt sich besonders für:
- Berufsstarter (25–35 Jahre): 35 Jahre Laufzeit bedeutet maximalen Zinseszins-Effekt. 200 € monatlich = 359.084 € Endkapital.
- Mittelschicht-Haushalte (40.000–80.000 € Brutto): Steuerlicher Vorteil von 400–1.260 € jährlich wirkt spürbar.
- Familien mit Kindern: Bis zu 200 € Kinderzulage pro Kind macht die Eigenrendite noch attraktiver.
- Immobilien-Investoren als Ergänzung: Das Depot diversifiziert das Vermögen über den Aktienmarkt — ergänzt Immobilien ideal.
Weniger sinnvoll ist das Depot für Selbstständige ohne gesetzliche Rentenversicherung (andere Instrumente wie Rürup sind steuerlich vorteilhafter) und für sehr kurze Laufzeiten unter 10 Jahren (Volatilitäts-Risiko zu hoch ohne Ausgleich durch Zinseszins).
Aktienrente und Immobilie: Kein Entweder-oder
Die Frage "Aktienrente oder Immobilie?" ist falsch gestellt. Beide Anlageklassen haben unterschiedliche Stärken:
- Aktienrente: Liquide, niedrige Mindestanlage, breite Diversifikation, staatliche Förderung
- Immobilie: Inflationsschutz durch Sachwert, Mieteinnahmen, Hebeleffekt durch Fremdkapital
Die stärkste Altersvorsorge-Strategie kombiniert beides: monatlich in den ETF-Sparplan einzahlen und eine Immobilie mit positivem Cashflow im Portfolio halten. Ob eine Immobilie in deiner Stadt dazu passt, zeigt der Cashflow-Rechner — und für die Eigenkapitalrendite-Verbesserung durch Fremdkapital der Leverage-Effekt-Guide.

